Ich hab Recht und du bist doof

kennt fast jeder aus Kindertagen. Meist kam das genau dann, wenn man nicht mehr weiterwusste. Ich bin jetzt 44 und hätte nie gedacht, dass mich das netzaktivistische Umfeld mal zurück in die Vorschule beamt. Denn genau dieses Verhalten gehört hier oft zum Alltag – leider. Das fängt beim Brustton der Überzeugung an, mit dem die neuen Expertenstars der Netzgemeinde alles kommentieren – auch wenn niemand sie gefragt hat.

Der Ton ist dabei gerne mal von oben herab

– ist im Netz so üblich, wird aber in der Szene auch live so gemacht. Das digitale Revierpinkeln verfolgt einen mit 140 Zeichen dann bis nach Hause. Das geht so weit, dass sich die eigenen Reihen manchmal fragen, was so abgeht:

mspro

Ich finde es gut, dass sich Menschen engagieren. Und speziell die neuen netzpolitischen Themen brauchen Menschen, welche die notwendige Veränderung vorantreiben. Doch ich habe auch das Gefühl, man gefällt sich in der Opposition als Robin Hood. Wir sind die Guten. Die Bösen sind die Großunternehmen, die Politik, die GEZ, Gema
oder wie sie alle heißen, also die etablierten Strukturen. Wir fordern: Kopf ab! Wir haben’s probiert, doch Dialog ist nicht möglich. Die haben ja keine Ahnung. Ich habe selten weniger Offenheit gegenüber anderen Ansichten erlebt. Und das, obwohl jeder zweite dieser Szene das Wort „Open“ auf dem Laptop kleben hat. Dabei bauen die Robin Hoods ihren Lifestyle maßgeblich auf den alten Strukturen auf: Ob es das tolle MacBook, der Kindle, der Bio-Joghurt oder das Internet ist – alles Produkte derjenigen, die auf der anderen Seite zum Feind erklärt werden.

Niemand startet bei null.

Das tolle Neue baut auf dem Alten auf. Der Wirtschaftstheoretiker Erich Schneider hat dazu gesagt: „Wir sind nichts und werden nichts durch uns selbst, wir stehen alle auf den Schultern unserer Ahnen.“ Das gilt übrigens auch für eins der Lieblingsthemen der Netzgemeinde: ein neues Urheberrecht. Alles ist ein Remix von schon Vorhandenem. Doch wie kann ich dann das Alte so missachten? Ich muss es ja nicht gut finden. Vielleicht ist es überholt und nicht mehr passend, doch es verdient eine Art Respekt in dem Sinne, dass es der Keim für Neues ist oder dass es mal gut und sinnvoll war. Ich weiß, das ist schwierig. Vor allem in einer Kultur, in der alles schon nach 5 Minuten kalter Kaffee ist, in der nur der erste Newstweet zählt. Alle anderen bekommen zu hören: „Kenn ich schon lange. Lies mal meinen Blog.“

Es geht oft nur darum, der Erste zu sein,

anders zu sein, herauszustechen – egal wie. Logisch, wenn die eigene Marke die Miete bezahlt. Wer polarisiert, wird gesehen, und Bekanntheit im Netz ersetzt dann das Organigramm: Viele Followers, Friends und Leser sind quasi gleichbedeutend mit einer Position im mittleren Management. Ist der eigene Blog unter den deutschen Top 5, gehört man zur Geschäftsführung. Alte Strukturen im neuen Kleidchen. Die einzige Möglichkeit von hier aus ist die Revolution. Die Antwort auf meine Frage, wie man die Wirtschaft denn von den neuen Ideen überzeugen könnte, war dann auch: „Wir können die nicht überzeugen. Die sterben aus. Wir werden jeden Tag mehr und übernehmen dann das Ruder.“ Disruption ist hier deshalb eines der Lieblingswörter. Es verspricht den schnellen und radikalen Wandel. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass natürlich beide Seiten eine andere Idee vom Ergebnis haben. Die einen wollen endlich an die Macht, die anderen wollen noch mehr davon. Geschichte wiederholt sich.

Ich denke, was fehlt, ist gegenseitiges Verständnis und Respekt.

Ich denke, man muss Brücken bauen, um Veränderung zu ermöglichen. Gegenseitige Angriffe sind zwar nachvollziehbar, jedoch nicht zielführend. Am klarsten wird mir das, wenn ich mir das Neue und das Alte als Personen vorstelle: Das sieht dann aus wie zwei Politiker im Clinch kurz vor der Wahl. Keiner lässt den anderen ausreden, beide Positionen sind unvereinbar. Was dabei rauskommt, ist, wie bei der Wahl, unbefriedigend: Es ändert sich nichts. Die Alternative, die ich meine, heißt nicht Koalition. Denn das ist ja real auch nur ein vorübergehender Waffenstillstand, bis einer sich eine Blöße gibt. Ich meine echten Dialog. Verständnis, Wertschätzung und Einfühlung in das Gegenüber. Auf dieser Basis sind positive Gespräche möglich. Die sind jedoch in vielen netzpolitischen Konflikten Mangelware. Denn beide Parteien sind geübt in Rhetorik, aber nicht im wertschätzenden Dialog. Dabei sind die Grundbedingungen für einen solchen doch zumindest aus persönlicher Erfahrung nachvollziehbar: Erst wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich auch respektiert und versteht, bin ich bereit, ihm wirklich zuzuhören. Der Aktion folgt dann potenziell eine Reaktion in gleicher Färbung. So kommt man sich näher und ist in der Lage, Gemeinsamkeiten zu finden statt mit dem Finger auf Unterschiede zu zeigen. Und

letztendlich geht es doch um die gemeinsame Zukunft.

Der Dialog ist die Basis für Demokratie, und nicht Säbelrassel auf beiden Seiten. Dazu muss man nach Verbindungen suchen: Was wollen wir beide, was vereint uns? Das steht schon in jedem Fachbuch für Kundenakquise. Bei Personen mag es das gleiche Hobby, die gleiche Uni
oder Heimatstadt sein. Bei Gruppen ist es wohl gar nicht so anders. Wichtig ist, Wertschätzung nicht als reines Werkzeug zu verstehen, sondern als Haltung: Der andere muss natürlich nicht so reagieren, wie ich es gerne hätte. Er muss nicht auch wertschätzend mit mir umgehen, weil ich es mit ihm tue. Das braucht unter Umständen Zeit. Solange könnte man nach Benjamin Franklins Motto„Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler“verfahren. Das wäre echte Offenheit für mich.

Dieser Artikel ist als PDF hier erhältlich. Enstanden im newthinking Magazin-Sprint : 10 Jahre newthinking, 3 Tage Sprint, über 40 AutorInnen – Ein Magazin über digitale Kultur, Netzpolitik und neue Arbeitswelten.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tipps für den Wandel

Menschen sind Gewohnheitstiere und verharren gerne länger als sinnvoll in alten Strukturen. Das ist völlig normal und umso schwerer je länger und besser das Alte funktioniert hat.

Sichtbar wird das zur Zeit in der Buchbranche. Diese befindet sich im größten Umbruch seit der Erfindung des Buchdrucks. Während das gute alte Papierbuch das Feld stückchenweise an Kindle & Co verliert ist ein noch weitaus größerer Wandel im Gange:
Die Machtposition der Verlage wird durch das Internet und seine neuen Möglichkeiten bedroht – jeder kann jetzt Verleger sein, seine Werke verteilen und mit Lesern in Kontakt treten. Man muss wohl versuchen sich in einen tradierten Verlag hineinzuversetzen um die Lage zu verstehen: Alles was die letzten 200 Jahre aufgebaut wurde, wird auf einmal in Frage gestellt.

Wie reagieren die Verlage auf diese Entwicklungen?
Es lassen sich drei Lager erkennen:

  Gestern-Morgen-01  Gestern-Morgen-02  Gestern-Morgen-03
Die Rückgewandten
Sie warten darauf, dass alles wieder so wird wie früher. Die Kommentare zeigen oft Hoffnung auf das „Platzen der Internetblase“, warnen vor neuer Oberflächlichkeit, meinen neue Medien wären „Marketing-Gedöns“ und „Transmedia-Scheisse“. Generell werden neue Technologien als abgehobene Sichtweise betrachtet und das gute alte Buch als das Wahre, Echte.
Die Erstarrten
Sie sehen die Veränderung deutlich, wissen aber nicht wie sie reagieren soll. Die Kommentare zeigen fehlenden Wagemut. Weil keine sonnenklare Richtung zu identifizieren ist muss eben abgewartet werden. Es wird deutlich gesehen, dass sich die Welt sich massiv verändert – nur es fehlt die 100%ige Sicherheit wohin.
Die Vorprescher
Sie gucken nach vorn, entwickeln neue Erzählformen und Geschäftsmodelle. Die Trends werden deutlich erkannt – und es wird auf sie reagiert. Tenor: Man darf sich „nicht zu sehr vor der Zukunft fürchten“. Es ist klar, dass die Zukunft der digitalen Medien aktiv mit Innovation in die Hand genommen werden muss statt sich von ihr treiben zu lassen.

Die volle Umfrage inkl. der Detailergebnisse gibt’s hier. Ums klar zu machen: Ich spreche hier nicht für die „first mover“. Jene die immer und überall zuerst sein müssen und jeden Trend mitmachen. Eine gesunde Skepsis und ein gewisses Abwarten hat ja durchaus etwas für sich – es darf jedoch nicht zu einem Verharren im Gestern werden, denn dann verliert man den Anschluss ans Jetzt. Das größte Problem ist hier wohl, dass es erfolgreichen Akteuren im alten Umfeld schwer fällt ihr eigenes Verhaltensmodell anzugreifen. Logisch. Aber genau das müssten die tun im Neuland zu betreten. Welche Tipps kann man geben, um Neues anzugehen und Altes in Frage zu stellen?

Ich/Innen

Andere/Aussen

  ich  Andere
  • Die veränderten Bedingungen akzeptieren
    Man muss zuallererst Erkennen das der Wandel alte Modelle bedroht. Man muss sich vom Status quo lösen und sich mit der Veränderung abfinden. Erst wenn man offen für die veränderten Realitäten ist, ist man bereit neue Experimente zu wagen.
  • Eigene Ziele im Wandel setzen
    Man braucht mehr Gründergeist, ein bisschen mehr Zukunftsoptimismus, ein bisschen mehr das Sehen von Vorteilen. Es geht darum Veränderungen, die nicht aufhaltbar sind, mitzumachen und selbst zu gestalten. Dazu muss man auch alte Dinge loswerden.
  • Kreativ sein
    Um kreativ zu sein muss man das Neue mit staunenden Augen betrachten und es mit Lust und Freude angehen.  Man muss sich fragen: Wie kann ich das Neue nutzen? Man muss sich darauf einlassen, zugfreudig und wagemutig sein und versuchen ein Verhalten zu finden, das im Neuen aufblüht.
  • Sich selbst erneuern
    Um Neues zu schaffen, muss man in Frage stellen was da ist. Man muss sich eigentlich die ganze Zeit selbst in Frage stellen. Denn nur in dem man sich selbst angreift bleibt man zukunftsfähig.
  • Interne Ressourcen nutzen
    Veränderung kann durch die Bevollmächtigung interner Kräfte erfolgen: Die neuen Ideen sind auch im eigenen Kopf. Man kann ihnen zuhören, ihnen Freiheitsgrade bieten und sie experimentell gedeihen lassen.
  • Externe Kräfte dazu holen
    Um Dinge wirklich neu zu denken und zu entwickeln braucht man auch neue Ideen von außen. Man kann Kreativ-Netzwerke aufbauen in denen man interdisziplinär denkt und arbeitet.
  • Mit der Außenwelt reden
    In den Dialog mit dem Neuen zu treten ist ein einfacher Weg um Näher am Zeitgeist zu sein. Man kann mit begeisterten Fürsprechern des Neuen reden. Dazu muss man vor allem beobachten und ihnen zuhören.
  • Sich verbünden
    Bündnisse und Kooperationen mit ähnlich Gesinnten sind ein gutes Mittel um  die Kräfte zu vervielfachen.

 

Zumindest eins ist klar: Klagen über die Situation, Mangel an Mut, Lust und Selbstgefühl, Angst vor falschen Entscheidungen und Risikounfreudigkeit führen nicht zu Lösungen. Dies ist Angst – und die ist gegenstandslos und lähmt.

Es ist völlig normal in das Tolle vergangener Zeiten „verliebt zu sein“ und an dem fest zu halten was man gelernt hat. Doch wer in einer sich schnell verändernden Welt zu lange an alten Vorstellungen und Traditionen festhält und auf dem beharrt was hundert Jahre funktioniert hat, der schaut nur zurück und nicht nach vorne. Er macht einfach weiter wie bisher und hofft dass es auch weiter gut geht. Der Wandel ist aber manchmal keine Modeerscheinung. Die Menschen die ihn bis zur Rente aussitzen können, sind wenige.

Gegen den Wandel ankämpfen geht nicht. Man kann die Veränderung in einigen Bereichen verzögern, man kann sie jedoch nicht aufhalten. Der künstliche Erhalt alter Strukturen durch entsprechende Entscheidungen funktioniert nur auf kurze Sicht. Also: vorwärts – vor allem im Kopf!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Der Konzern Bayer auf dem Weg in die Offenheit

 

Ein Interview von Andreas Wichmann mit Michael Graefenstedt, Head of Commercial Business Development der Bayer MaterialScience im Rahmen des summit of newthinking.

 

Herr Graefenstedt, Bayer hat vor kurzem sein erstes Crowdsourcing-Projekt abgeschlossen. Im Rahmen des Mission Statements „Science For A Better Life“ und der Corporate Social Responsibility Aktivitäten des Konzerns sind die Klimaveränderung und ihre Folgen ein Thema welches in der Aufgabe „Wie verhindern wir die Ausbreitung von Wüsten?“ wiederzufinden ist. Sind die Vorstellungen und Erwartungen des Bayer-Konzerns bei diesem Crowdsourcing-Projekt erfüllt worden?

Wir haben durch den Wettbewerb eine ganze Reihe von Ideen bekommen, die inhaltlich und fachlich ziemlich anspruchsvoll sind. Das wirklich Überraschende oder Neue war für uns jedoch nicht der Inhalt sondern der Prozess. Für ein Forschungsunternehmen mit einer extrem langen Tradition und einer starken eigenen zentralen Forschung war dieser Crowdsourcing-Prozess etwas, was bis heute undenkbar war: Dass man sich jetzt die Ideen von draußen holt – und zwar systematisch. Nicht nur bei Kunden oder Universitäten, sondern ganz offen.  Das ist der Paradigmenwechsel, in dem wir uns gerade befinden.

Ist die Öffnung, wie so häufig, nur am Anfang des Prozesses bei der Ideengenerierung willkommen oder wird die gemeinschaftliche Umsetzung dieser Ideen auch Bestandteil dieses Open Innovation Projekts sein?

Der ganze Prozess wird immer eine Gemeinschaftsarbeit sein. Bayer hat in vielen der erforderlichen Kernaufgaben, wie z.B. Solarenergie, wenig oder nur teilweise Kompetenzen. Wir werden hier auf einer sehr langen Zeitschiene viel mit Partnern und Netzwerken arbeiten. Das ist aber auch unser Verständnis davon, wie man zu guten Lösungen bei komplexen Problemen kommt. Kollaboration schafft neue Chancen um wirklich große Probleme zu lösen.

Die eher freie Kollaboration in Netzwerken ist ja ein völlig anderes Konzept als die übliche Organisationsstruktur in traditionellen Großunternehmen. Wie weit ist Bayer bei diesem Wandel?

Da sind wir noch sehr am Anfang. Das Managen eines hauptsächlich externen Netzwerks, das mehr als die eine Stufe „das ist unser Kunde“ von uns weg ist, ist für uns noch Neuland. Wir sind aber dabei, genau das zu organisieren. Aber wie das am Ende stattfindet, mit welchen Methoden, Werkzeugen und Strukturen, ist für uns noch offen. Da müssen wir noch ausprobieren und lernen.

In den letzten 50 Jahren war das ja eher umgekehrt: Man hat geguckt das man so viel wie möglich inhouse macht um die Wertschöpfungskette zu besetzen. Wo kommt dieser Schwenk zur Offenheit her?

Ich glaube, dass wir da sehr auf gesellschaftliche Tendenzen achten. Ich habe das Gefühl, dass man mehr und mehr sieht, dass innerhalb eines Unternehmens immer nur eine begrenzte Zahl von Experten, Wissen und kreativen Köpfen sein kann. Selbst als Unternehmen mit 100.000 Mitarbeitern sind das eben auch nur 100.000 von 6 Milliarden. Das Internet und die Verbreitung von sozialen Medien eröffnen einfach eine zusätzliche Chance, an andere Ideengeber, andere Ressourcen, andere Erkenntnisse zu kommen als die im eigenen Unternehmen. Der zweite Aspekt ist, dass wir auch sehen, dass die Vorstellungen von Arbeit, die viele junge Leute haben, immer mehr vom klassischen „Ich unterschreibe ein Arbeitsvertrag bei einer großen Firma und bin dann 30 Jahre bei dieser Firma“ weggehen. Ich glaube wir werden immer mehr Leute haben, die das gar nicht wollen. Die sind bereit sich zu engagieren, aber eher themenspezifisch als bei irgendeiner Firma anzuheuern und dort ein klassisches Berufsleben zu starten. Wenn man beides vor Augen hat, wird glaube ich klar, dass man den Bereich Kollaboration und Netzwerke starten und ähnlich gewichten muss wie das, was man innerhalb des Unternehmens macht.

Das waren ja die ersten Schritte die Bayer konkret im Bereich Open Innovation gemacht hat. Ein Anfang mit offenem Ende. Gibt es schon erste gefühlte Veränderungen oder Erfahrungen die einen nachhaltigen Einfluss im Unternehmen haben könnten?

Ich glaube tatsächlich, dass es gerade eine Veränderung des Mindsets im Unternehmen gibt. Ich würde jedoch den Wettbewerb überbewerten wenn ich sagen würde, das liegt jetzt an dem Wettbewerb. Der Wettbewerb ist dadurch, dass er gut gelaufen ist, eher eine Bestätigung im Unternehmen, dass das gar nicht so gefährlich und kritisch ist wie von manchen befürchtet. Also eher eine Unterstützung für diesen Trend den wir sowieso im Unternehmen haben. Für mich war vor allem die Art und Weise wie das interne Projektteam zusammengekommen ist eine ganz tolle Erfahrung. Wir haben nicht, wie das sonst üblich ist, einfach gesagt, wir brauchen jetzt den und den und den – und die werden dann über die Linie in das Projekt abgeordnet. Wir sind stattdessen den Weg gegangen, dass wir dieses Thema „öffentlich“ gemacht haben. Wir haben gesagt: Das ist jetzt ein Projekt. Damit wollen wir uns beschäftigen. Und dann haben wir die Leute gefragt ob sie Interesse haben daran mitzuarbeiten. Wir haben eigentlich überall positive Reaktionen erhalten. Das ist für mich eine völlig neue Art zu einem Projektteam zu kommen. Wir haben natürlich aus rein praktischen Gründen eine Limitation von Leuten für das Kernteam gehabt. Aber der Kreis der Leute die zum Projekt punktuell Betrag geleistet haben war sicherlich nochmal doppelt bis dreimal so groß. Die Motivation der Teilnehmer in so einem Projekt ist einfach eine andere. Das hat extrem gut funktioniert.

Die Offenheit fing also Innen an. Wie sind ihre Hoffnungen für die Zukunft solch neuer Formen der Zusammenarbeit?

Ich glaube in der Tat, dass das wirklich nur der Anfang war, sozusagen das erste Bausteinchen. Wir haben jetzt einen zweiten Wettbewerb gestartet, auch open, allerdings mit einer anderen Zielrichtung, eher produktorientiert. Aber ich denke dass da noch Viele folgen werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Crowdsourcing neben anderen Ansätzen zur Ideenfindung als eine Standardmethode etablieren wird. Das wär für mich die eine Richtung. Die andere ist, dass wir jetzt mal versuchen exemplarisch zu demonstrieren wie eigentlich die nächsten Schritte auf dem Innovationspfad mit Open Innovation Methoden machbar sind. Wir müssen auch mal andere Methoden ausprobieren die nicht bei der Ideengenerierung liegen, sondern bei der Entwicklung, der Finanzierung und was auch immer sich da noch an Themen stellen mag.

Herr Graefenstedt, ich wünsche ihnen viel Glück auf ihrem Weg in die Offenheit und bedanke mich für das Interview.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Open Innovation auf der re:publica

Innovation ist ohne Kommunikation und Kollaboration selten erfolgreich. Diese Erkenntnis ist Grundlage für die Idee von Open Innovation. Ich suche eine neue Lösung? Andere, die von außen mit neuem Blick auf meine Herausforderungen schauen, können meist schnell und erfolgreich helfen. Wir reden miteinander und arbeiten zusammen. Das Netz hat uns vor wenigen Jahrzehnten ungeahnte Möglichkeiten hierfür gegeben und ist einer der größten Innovationsmotoren unserer Zeit. Gleichzeitig lässt sich nirgends besser kommunizieren und kollaborieren als an Orten, wo viele unterschiedliche kreative Menschen zur gleichen Zeit zusammenkommen. Wie auf der re:publica. Genau deshalb haben wir einen ganzen Session-Track zu Open Innovation auf die Beine gestellt: „re:innovate“


Veränderte Bedürfnisse und Möglichkeiten, erfordern heute neue Formen der Zusammenarbeit, um ein innovationsfreundliches Umfeld zu schaffen. Dies gilt für Technologieentwicklung und soziale Veränderung, für Firmen, Forschung, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft. Deshalb entwickeln sich moderne Organisationen, weit über ihre bisherigen inneren und äußeren Grenzen hinaus, zu Föderationen, Netzwerken und Clustern. Diese kopernikanische Wende möchten wir mit Open Innovation- Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen diskutieren. Was geschieht, wenn echte Kollaboration möglich wird? Darüber sprechen WissenschaftlerInnen, AktivistInnen, Wirtschaftsleute, Menschen aus Politik und Verwaltung in Keynotes, Projektpräsentationen und einer Talkshow für und mit den Besuchern der re:publica: http://re-publica.de/12/track/reinnovate/

Im Anschluss daran treffen sich 30 innovative und kollaborationsbereite Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen zu einem Workshop, in dem sie in Anwendung von Open-Innovation-Verfahren gemeinsam schauen, ob sie in der Lage sind, auch andere Sichtweisen als die eigene zu akzeptieren, organisatorische Grenzen zu überwinden und aufeinander zuzugehen? Wir decken die Unterschiede der Positionen zu Open Innovation auf und suchen nach Gemeinsamkeiten.

„re:innovate“ auf der re:publica haben wir zusammen mit newthinking communications, P3 Büro thinktank + taskforce, Open Cities, die LINKE im Bundestag, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Denkerei/
Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen
und der TSB Innovationsagentur Berlin realisiert.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

ULOOP – EU investiert 4.08 Mio EURO in Erforschung Drahtloser Community Netzwerke

“ULOOP ist ein im Rahmen von ICT Call 5  finanziertes EU-FP7-Projekt. Das Projekt verfolgt das Ziel, das Potenzial der Wireless-Local-Loop-Technik basierend auf einem benutzer-zentrierten (Gemeinschaft) Modell, welches die Reichweite der hoch belasteten multi-access broadband backbone erweitert, aus unterschiedlichen Perspektiven zu erforschen: Technik- und Geschäftsmodelle, sowie die Auswirkungen auf den Telekommunikationsmarkt und die Gesetzgebung.” (Quelle: DAI-Labor)

Was hier etwas holprig klingt, ist im Grunde ganz einfach: Die vielen privaten WLAN-Netze sollen für andere nutzbar und zugänglich werden. Ich war am 27.09.2011 als Redner zum “1st industrial workshop” eingeladen und habe dort einem sehr interessierten und internationalem Publikum unsere Vision von einem freien Funknetzwerk für Berlin präsentiert.

Rückblick

Als ich im Jahr 2002 nach Ost-Berlin zog, sollte ich damit leben, dass meine einzige Möglichkeit ins Internet zu kommen, eine ISDN-Leitung war, die ich mir mit 35 anderen Personen teilte. Natürlich gab es damals schon schnelleres DSL, aber die Telekom hatte nach der Wiedervereinigung in weiten Teilen Ost-Deutschlands für viel Geld eine neue Glasfasertechnologie namens OPAL verlegt, konnte dann aber darüber private Haushalte nicht an das schnelle Netzwerk anbinden. In der Konsequenz wurde Jahre später, ebenfalls für viel Geld, wieder Kupferkabel verlegt.

Ich konnte aber nicht so lange warten, denn als IT-Experte war der schnelle Zugang zum Internet für mich schon damals von existenzieller Bedeutung. Just zu diesem Zeitpunkt wurde eine neue Technologie namens WiFi oder WLAN massentauglich. Die preiswerten Funknetz-Router waren eigentlich dazu gedacht, im Büro- oder Heimnetzwerk auf kurze Distanz ein kabelloses Netzwerk einzurichten, doch findige Hacker hatten längst damit begonnen, deren Reichweite durch selbst gebastelte Antennen zu erhöhen, und in Seattle, London, Berlin und andernorts gab es erste Versuche, sogenannte Community-Netze einzurichten, die ganze Straßenzüge oder Stadtteile per Datenfunk miteinander vernetzen sollten.

Ich baute mein erstes Funknetzwerk, eine 2km lange Richtfunkstrecke vom Dach unseres Hauses zu einem wohl gesonnenen Internetprovider. Nun hatten wir schnelles Internet – schneller und preiswerter als jedes DSL, was es damals zu kaufen gab. Wenig später gründete ich gemeinsam mit einem knappen Dutzend Gleichgesinnter freifunk.net. Der Rest ist Geschichte: “Freifunk” wurde im deutschsprachigen Raum zum Synonym für freie und offene drahtlose Bürgernetze, wie sie heute in vielen urbanen und ländlichen Regionen existieren.

Angst statt Freiheit!

Mit der zunehmenden Verbreitung schneller und preiswerter Internetzugänge entschlossen sich viele Menschen dazu, ihren eigenen WLAN-Accesspoint nicht zu verschlüsseln und so auch anderen Menschen in der Umgebung einen kostenlosen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Damals gab es jedoch noch keine Smartphones und mobile Computer nannte man aus gutem Grund noch “Schlepptop”. Dennoch erfreute sich eine wachsende Anzahl von Menschen an der Tatsache, vielerorts einfach und kostenlos ins Internet kommen zu können. Überall auf der Welt entstanden offene Netzzugänge. Viele träumten bald vom “Überall-Netz”.

Doch statt sich der neuen Freiheit zu erfreuen, schürten Presse, Content-Industrie und deutsche Gerichte bald die Angst. Der offene Accesspoint wurde zum Gefahrengut erklärt, zum Synonym für unkontrollierbaren Datenklau, illegale Tauschbörsen und das Eldorado für das Böse schlecht hin. Statt das öffentliche Funk-Netz unverschlüsselt zu belassen und sein eigenes privates Netzwerk sinnvoll durch Virtuelle Private Netzwerke und eine Firewall zu schützen, sollten nun alle ihre WLAN-Netze per unsicherem WEP und später WPA und WPA2 verschlüsseln. Andernfalls droht man heute in Deutschland mit der “Störerhaftung”. Der Traum scheint ausgeträumt. Und außerdem, so hört man immer wieder von der Politik, sei mobiles und schnelles Internet doch heute überall via UMTS preiswert verfügbar.

Ins eigene Knie geschossen

Abgesehen davon, dass wir – die sogenannte Digitale Bohème – ein Lied davon singen können, wie klein “überall”, wie teuer “preiswert” (dank Roaming!) und wie langsam “schnell” eigentlich sein kann,  stellt der rasant wachsende Bedarf nach schnellem mobilem Internet die großen Telekoms dieser Welt vor ein großes Problem: die teuren UMTS-Funk-Netze können dem wachsenden Ansturm nicht Stand halten und drohen immer schneller zu kollabieren.

Und nun?  Ja … also …  nun wünschen sich die großen Telekoms, sie könnten eine größeren Teil der Last in die WLAN-Netze der privaten Enduser abkippen – “Off-loading” nennt der Fachmann das salopp. Zu dumm nur, dass die jetzt alle verschlüsselt sind.

Deshalb wird seit geraumer Zeit im großen Stil daran geforscht, wie man das Vertrauen der Enduser für seine eigenen Zwecke gewinnen könnte und ob und unter welchen Umständen man die Leute nun wiederum davon überzeugen kann, ihre Netze wieder zu öffnen. Dumm gelaufen.

Der Prophet im eigenen Land

Es ist ja nicht so, als wäre das alles ganz neu. Seit Jahren bin ich mit der Vision freier Funknetzwerke unterwegs und war als Experte auf vielen internationalen Veranstaltungen in Europa, Indien und Asien eingeladen. In vielen Teilen der Welt hat man früh das Potential offener WLAN Netze entdeckt, so zum Beispiel auch 2006 in Singapur: “Die Grenzen der Informationstechnologie seien heute in erster Linie in den Köpfen der Menschen auszumachen. Seine Aufgabe sei es, sicherzustellen, dass es auf dem Spielplatz der Kommunikation keine Engpässe gebe.” erkannte schon damals ganz richtig Leong Keng Thai, Leiter der dortigen Infocomm Development Authority.

Und auch in Berlin wurde spätestens seit 2008 immer wieder über ein offenes WLAN Netz innerhalb des S-Bahn-Rings diskutiert. Doch so richtig weiter gekommen ist man hierbei bis heute nicht. Ich selbst spreche seit gut 5 Jahren regelmäßig mit der Berliner Senatsverwaltung über dieses Thema. (siehe hierzu auch Artikel in brand eins 09/2011 – “Internet für alle”)

Zuletzt habe ich gemeinsam mit meinen Kolleg_innen Annette Leeb, Andreas Wichmann und anderen im Spätherbst 2010 ein Konzept namens “Wireless Open Public Local Access Network Berlin (wOPLAN-B)” erstellt, in dem wir die Gründe für solch ein Public-Private-Citizen-Partnership ausführlich dargelegt und ein Pilot-Szenario beschrieben haben. Unser Fokus war freilich eine signifikante Verbesserung der Situation der einheimischen Bevölkerung, der Touristen und der vielen kleineren und mittleren Betriebe in dieser Stadt. Das Ergebnis ist aber das Selbe: offene WLAN-Netze.

Doch während die EU nun über 4 Millionen in die Erforschung dieser Möglichkeiten investiert, hält man in Berlin diesen Ansatz nach wie vor weder für innovativ noch für wirtschaftlich relevant. Ist schon komisch:  eine Gruppe Berliner Enthusiasten und Fachleute bemüht sich seit Jahren vorrangig ehrenamtlich, aber vor allem vergeblich darum, den Senat davon zu überzeugen, mal etwas richtig Innovatives und äußerst Erfolg versprechendes für diese Stadt zu tun, während nun europaweit für das gleiche Konzept Millionen in Forschung und Entwicklung investiert werden. Irgendwas läuft da doch schief! In Berlin steckt man mehrere 100 Millionen Euro in den Ausbau einer Autobahn, hat aber keine Cent übrig, um in moderne Kommunikationsinfrastrukturen zu investieren. Ob das der richtige Weg in die Zukunft der Hauptstadt ist?

Update: Siehe auch Artikel auf ZEIT.de vom 21.10.2011: Warum Berlin kein öffentliches WLAN bekommt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Über den Versuch einer (innovativen?) Innovationskonferenz

Als ich zum ersten mal vom Thema des coThinkTank 2011 hörte, musste ich googeln:  Social Business Innovation. Auch google war etwas ratlos, spuckte aber zumindest einen Treffer aus. Also anscheinend ein völlig neues Thema – erst mal gar nicht so schlecht für eine innovative Veranstaltung. Ich sollte “irgendwie” an der Struktur der Konferenz mitarbeiten. Im Laufe der nächsten drei Monate wurde dann die Konferenz aus dem Boden gestampft: Internationale Keynotespeaker, Microtalks angesehener Unternehmen, vier Workshopps mit Experten, Sponsoren und alles was man sonst noch so braucht. Wenn so etwas einmal auf dem Weg ist, gibt es kein zurück ohne Blamage. Weltweit die Trompete blasen und dann einen Rückzieher machen sieht eben nicht gut aus. Also Augen zu und durch: Immer die Devise im Kopf „Erst mal machen – und beim nächsten mal besser machen“. Da wird dann trotz vieler Streitigkeiten zwischen Umsetzung und Kuration tapfer zusammengehalten. Ich habe das alles nur am Rande mitbekommen, den inzwischen hieß es: “Keine weiteren Aufwände verursachen, bzw. die Kosten reduzieren”. So wurde ich dann zum Zuschauer der hin und wieder mal fragte: “Was ist der Sinn von diesem oder jenem?”.

Hier auch gleich mein erster Punkt: Wenn die gesamte Konferenz nur in den Köpfen zweier Menschen geplant wird, mag das eventuell noch innovativ werden, aber beileibe nicht sozial. Denn dieses Wort im Titel verleiht dem Ansatz Ausdruck, mit Hilfe der Belegschaft, der crowd, oder einer wie auch immer gearteten Menge an Menschen, Innovatives zu kreieren. Wär ja schön gewesen hier selbst dem Anspruch der Konferenz zu folgen. Sei‘s drum. Irgendwann war es dann soweit und für zwei Tage ging es darum, wie man bei der Kreation von Innovationen aus dem Denken des industriellen Zeitalters mit seinen funktionalen Expertenhierarchien in das Informationszeitalter mit all seinen partizipativen Möglichkeiten kommt. Ich hatte dann doch noch etwas Einfluss und konnte die vier Workshops mit den Keynotespeakern gestalten: Für Viele eines der Higlights, weil  gehaltvoll und thematisch interessant.

Konferenz im Scandic Hotel
Konferenz im Scandic Hotel

Bis auf einige Pannen gleich zu Beginn, war es eine gute Konferenz die professionell durchgeführt wurde. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Neben den vier wirklich guten Keynotes gab es etliche Impulsvorträge in denen sich die üblichen hochkarätigen Verdächtigen  wie T-Labs und frogdesign die Klinke in die Hand gaben um jeweils zehn Minuten PowerPoint-Recycling zu betreiben und für sich zu werben. Das sieht dann zwar im Programm gut aus, reduziert sich im Vortrag aber auf Weisheiten wie „In Meetings werden bei uns die Handys ausgeschaltet“. Generell stellte sich mir bei allen Impulsvorträgen die Frage: Was hat das mit Social Business Innovation zu tun? Klassisch kreativ war hier vieles – leider aber auch nur das. Ich könnte sagen „Zwei verschenkte Stunden auf einer Butterfahrt der Agenturen“ oder auch „Interessant zu sehen, dass sich seit 10 Jahren nichts verändert hat“. Die kreative Elite ist anscheinend in Punkto Arbeitsorganisation noch nicht im Web 2.0 angekommen…

Empfang auf der Dachterasse bei Olzwang
Empfang auf der Dachterasse bei Olzwang

Was Social Business Innovation denn nun eigentlich ist, war vielen Konferenzteilnehmern nicht klar – leider auch nicht nach der Konferenz. Was jedoch blieb, war das Gefühl, das Thema ist interessant und da geht noch viel mehr. Ich denke die meisten würden deshalb wieder kommen. Mein Resumeé: Das Thema interessiert und hat Potenzial. Aber über Aktionismus hinaus muss man eben eine solche Veranstaltung auch mit Inhalt füllen. Das geht leichter wenn man selbst an das Thema glaubt und es lebt. Das haben die Keynotes gezeigt. Hier waren vier leidenschaftliche Experten am Start, die die Welt verändern wollen (z.B. Paul Pangaro). Davon hätte es mehr gebraucht. So ungefähr sah auch das wichtige Feedback der Teilnehmer aus (wenn man mal Kommentare wie „Es gab zu wenig vegetarisches Essen“ oder „“ich habe meinen Rucksack verloren“ ausklammert). Bleibt zu hoffen, das aus der Erfahrung gelernt wird. Ich bin jedenfalls gespannt auf 2012…

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Das Harte an Open Source Hardware

Der ursprünglich aus der Welt der Softwareentwicklung stammende “Open Source” Gedanke hat in den letzten Jahren bekanntlich auch in vielen anderen Bereichen Verbreitung gefunden. Neben Free / Open Source Software gibt es längst auch  Wikipedia, freie Musik, freie Bilder, Filme, etc., etc.

Ein grundsätzlicher Bestandteil der Open Source Ökonomie ist dabei die sogenannte Copyleft Lizenz, die, wie es der Name schon andeutet, aus dem Copyright (Urheberrecht) abgeleitet ist. Sie stellt eine wesentliche Erweiterung gegenüber der zuvor verbreiteten Vorgehensweise dar, ein Werk einfach lizenzfrei als “Public Domain” der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen (siehe dazu auch Richard Stallman).

Denn erst durch Lizenzen wie beispielsweise der GNU General Public License (GPL) wurde es möglich, dass sich Privatpersonen und große Firmen (auch Konkurrenten) gemeinsam und unter gleichen Bedingungen an die Entwicklung quelloffener Programme gemacht haben. Die GPL stellt dabei neben dem freien Zugang zum Quelltext sicher, dass jede Weiterentwicklung des Programms wieder unter den selben Lizenz rechtlichen Bedingungen veröffentlicht werden muss, wie der ursprüngliche Code. Mit anderen Worten: einmal GPL, immer GPL. Im Konkreten bedeutet das: wer eine Software entwickelt und diese unter der GPL oder einer ähnlichen Lizenz veröffentlicht, der wird (wie alle anderen auch) von den Verbesserungen profitieren, die andere später an dem Code vornehmen.

Es entsteht also ein nachhaltiges System, in dem alle Beteiligten immer wieder unter den gleichen urheberrechtlichen Bedingungen zur Verbesserung der Vorgängerversion beitragen. Genial!

Schade nur, dass sich das Urheberrecht und damit das Copyleft nicht auf die Physis, also die sogenannte Hardware, übertragen lässt, denn es bezieht sich ausschließlich auf die geistigen Werke. In der Welt der Dinge herrscht das Patentrecht.

Die alte Welt

Patente haben ihren Ursprung im frühen 17. Jahrhundert und entstanden zunächst in Venedig und später in England. Ihre heutige Form basiert im Wesentlichen auf der “Exception to Inventors granted by the Statute of Monopolies” aus dem Jahre 1624. Geschützt durch das Patent, musste eine glorreiche Erfindung nun nicht mehr geheim gehalten werden, sondern konnte von anderen studiert und gegen die Zahlung einer Lizenzgebühr (oder auch nicht) sogar nachgebaut werden. Insofern leistete das Patent einen großen Beitrag zum Austausch von Wissen und sicherte vielerorts den wirtschaftlichen Wohlstand der kreativen Erfinder und Fabrikbesitzer.

Doch seit dem ist viel Zeit vergangen und die Welt hat sich verändert, ja fast umgekehrt. Denn unter dem wachsenden Patentregime großer Konzerne tun sich “kleinere Erfinder” heute schwer, vom Patentrecht Gebrauch zu machen. In dem Bestreben alles zu patentieren, was irgendwie patentierbar ist, werden Mitbewerber und Nebenbuhler schnell mit Patentverletzungsklagen überzogen. Wichtige Technologien können dort, wo sie am dringendsten benötigt werden, nicht zum Einsatz kommen, weil die Lizenzgebühren für einige Erfindungen ins Unermessliche gestiegen sind.

Culture Clash

In der Open Source Community sind Patente spätestens seit der Diskussion um Softwarepatente vollständig “verbrannt”. Zu offensichtlich haben große Softwarekonzerne versucht, sich teilweise extrem banale oder logische Entwicklungen via Patent unter den Nagel zu reißen. Es steht zu befürchten, dass in Zukunft viele Softwareentwickler mit Patentklagen überzogen werden, nur weil sie ihre Arbeit machen,  und so die Weiterentwicklung in der IT-Branche und der Fortschritt insgesamt auf dem Spiel steht.

Die Hacker-Bewegung tut sich unter anderem deshalb schwer das Thema Patente aufzugreifen und die Unterschiede zwischen Hard- und Software zu akzeptieren. Sie beschäftigt sich nach wie vor damit, eigens entwickelte Copyleft Lizenzen auf den Hardwarebereich zu übertragen.

Massenhaft Hardware in der Public Domain

Und doch schlummert im Patentsystem noch das ein oder andere, von dem die Open Source Bewegung etwas lernen kann. So basiert das Patentsystem unter anderem auf dem Nachweis der Erstveröffentlichung. Was also nachweislich schon mal veröffentlicht wurde, egal ob vom Patenteinreichenden selbst oder einer anderen Person, kann nicht mehr patentiert werden.  Und was patentiert war, verliert nach spätestens 20 Jahren seinen Schutz und kann dann lizenzfrei nach gebaut werden. In beiden Fällen ist die Hardware dann in der Public Domain und kann beliebig kopiert und nach gebaut werden.

Die Unterschiede erkennen

In den Patentämtern schlummern also Millionen von Erfindungen, die größtenteils wirklich gut dokumentiert sind. Dabei bezieht sich die Dokumentation nicht nur auf das fertige Ding selbst, sondern auch auf den Herstellungsprozess.

In der Software ist der eigentliche Herstellungsprozess das Kompilieren, also die maschinelle Übersetzung des Quellcodes in das Programm. Das macht der Computer. Auch ist Software ein immaterielles Gut und lässt sich daher quasi beliebig oft reproduzieren. Bei Hardware braucht man erst mal das passende Material unter Umständen auch sehr teure Maschinen (Computer waren auch mal sehr teuer!). Darüber hinaus spielt das Wissen über den Herstellungsprozess und die entsprechenden menschlichen Fertigkeiten aber oft die entscheidende Rolle.

Der Replicator als Rettung!

Man könnte aber auch anders argumentieren. Theoretisch geht Materie im Universum nicht verloren. Sie ist also unendlich verfügbar. Und immer mehr Fertigungsprozesse sind maschinell beziehungsweise Computer gesteuert. Die Parallelen zur Software sind so gesehen gar nicht so abwegig. Gäbe es Maschinen, die Energie in beliebige Materie verwandeln könnten, dann ginge es also wirklich nur noch um den Austausch des Codes. Das Copyleft könnte greifen. Gerade in der Fablab Bewegung, wo heute schon Computer gesteuerte Maschinen Dinge herstellen, ist diese Ansicht deshalb sehr verbreitet. Doch bis zum Replicator ist es wohl noch ein weiter Weg …

Wie weiter?

Die meisten Patentrechtler haben sich bisher noch nicht mit der Open Source Idee beschäftigt. Die Prinzipien des Copyleft sind ihnen weitestgehend unbekannt. Es ist deshalb an der Zeit den Dialog zu vertiefen und die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, die Lücke zwischen Copyleft und Patent zu schließen, und ein Rechtskonstrukt zu schaffen, welches es allen erlaubt, unter gleichen Rahmenbedingungen an der gemeinsamen Entwicklung und Weiterentwicklung von Hardware zu partizipieren.

Die fehlende Nachhaltigkeit des Copylefts bleibt im Bereich der Open Source Hardware bisher das größte Manko an der Idee, aber wir arbeiten dran …

 

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Wir sind eins – aber müssen auch Viele bleiben

Wer kennt das nicht: Da ist ein Team das besonders gut zusammenspielt. Die Mitglieder der Gruppe agieren fast wie einer. Man könnte meinen sie lesen die Gedanken des jeweils anderen. Das ist schön anzusehen und beeindruckt, denn alles läuft wie „geschmiert“. In der Fachliteratur sind das dann „High Performance Teams“. Und auch im Kino sieht man sowas öfter: Die Task-Force kommt an den Ort des Geschehens, wechselt ein-zwei Sätze – und dann tut jeder seinen Teil des Jobs als wäre es jahrelang eingespielt. So etwas fasziniert und macht Spaß, keine Frage.

Bei Gruppenentscheidungen werden jedoch auch spezielle Phänomene des Rationalitätsverlustes sichtbar, die sich im Vergleich zu Einzelentscheidungen nachteilig auswirken. Es geht hier nicht um den erhöhten Kommunikations- und Organisationsaufwand, sondern um Effekte die auf dem wohlwollenden Zusammenspiel der Gruppenmitglieder beruhen. Dieses hat nämlich auch Nachteile: Die Gruppe vermeidet alles, was ihre die kollektive Stärke schmälern könnte. Dieses „Groupthink“ genannte Verhalten führt dazu, dass die Gruppenmitglieder ähnliche Persönlichkeitseigenschaften zeigen und sich nach außen abgrenzen. Unter dem Strich ergeben sich daraus einige Risiken bei der Entscheidungsfindung die letztendlich zu schlechten Ergebnissen führen können:

  • Gruppennormen führen zu eingeschränkten Diskussionen
  • Die Homogenität der Gruppe führt zu verminderter Informationsvielfalt
  • Geteilte Verantwortung resultiert in einer gewissen Oberflächlichkeit
  • Zeitdruck führt zu Auslassen von wichtigen Prozessschritten
  • Vertrautheit mit einem Problem führt zu vorschnellen Entscheidungen
  • Ein spezieller Status Einzelner führt zu Anpassung an dessen Position

Der Sog zu diesem Verhalten resultiert letztendlich aus ganz einfachen Beweggründen: Eine solche Gruppe ist harmonisch, erzeugt ein starkes Wir-Gefühl, gibt Sicherheit und Führung – man ist Teil einer Einheit. Das sind Dinge nach denen wir uns alle sehnen. Dagegen steht sozialer Stress. Eben dann wenn die Individuen der Gruppe sich intensiv mit ihren unterschiedlichen Meinungen auseinandersetzen müssen. Dieser Fall wird oft als Phase gesehen (Teamforming), eine Art Übergangsstadium das ja bald vorbei ist – also als notwendiger Schritt zur Harmonie, zur endlich funktionierenden Gruppe. Das ist emotional sehr befriedigend und schafft einen guten Boden für die Zusammenarbeit, birgt aber eben auch einige Nachteile. Um diese negativen Einflüsse bei Gruppenentscheidungen zu minimieren sind jedoch Gegenmaßnahmen möglich:

  • Heterogenität in die Gruppe bringen: Unterschiedliche Standpunkte, Meinungen und Perspektiven wirken Selbstbestätigungsmechanismen entgegen. Minoritäten bringen produktive Konflikte in die Gruppe ein und beugen einer vorschnellen Konsensbildung vor.
  • Bildung von Subgruppen: Da sich aus jeder Subgruppe eine andere Sichtweise herausbildet hindert dies die Gesamtgruppe an einer übereilten kollektiven Betrachtungsweise.
  • Zuteilung von Zuständigkeiten: Für alle Mitglieder ist klar, wer auf welchem Gebiet über Expertenwissen verfügt. So wird vermieden, dass wichtige Informationen nicht in die Diskussion eingebracht werden.
  • Hinzuziehung externer Experten: Das bewahrt vor der Abschottung nach außen und schützt vor Betriebsblindheit.
  • Norm des kritischen Rationalismus: Statt eines Harmoniebestrebens sollte jeder alles hinterfragen dürfen und nicht der Irrglaube bestehen, perfekt sein zu müssen. Fehler sind erlaubt!
  • Kontrafaktisches Denken: Vermeiden die eigene Einschätzungsfähigkeit zu überschätzen. Stattdessen auch bei Erfolgen sich selbst die Frage stellen, was gewesen wäre, wenn sich einige Umstände anders eingestellt hätten oder was geschehen hätte müssen, damit der Erfolg noch größer gewesen wäre.
  • Führungsrollen als Moderatoren:  Die Entscheidungsfindungsphase anmoderieren und so einen gut koordinierten Diskurs garantieren. Die (An)führer halten zu Beginn der Diskussion ihre eigenen Standpunkte zurück um die Gruppenmitglieder zu Vorschlägen und Kritik zu ermutigen.
  • Vorgehensmethoden nutzen: Zum Beispiel in der ersten Phase alle ihre Ideen niederschreiben lassen, ohne zuvor mit den anderen über die Thematik zu reden. Das wirkt Blockierungen in der Ideengenerierung entgegen. Erst in der zweiten Phase werden die Ideen schließlich gemeinsam betrachtet. Hierfür sollte der Entscheidungsprozess moderiert und das Problem in seine Teilprobleme zerlegt werden. So kann jeder seine Argumente in seinem spezifischen Wissensgebiet einbringen.

Das hört sich nach viel Arbeit an, ist jedoch weitaus billiger und zeitsparender als schwerwiegend falsche Entscheidungen zu treffen und das Ergebnis dann ausbaden zu müssen. Und: Wer will denn schon Teil einer Gruppe sein die immer wieder falsche Entscheidungen trifft? Der erlösende „Trick“ liegt hier darin, sozial wie Einer zu agieren, aber bei Entscheidungen das Potenzial der Vielen zu nutzen. Dazu gehören eben auch unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen. Damit das nicht die Harmonie zerstört, benötigt es die Wertschätzung der Unterschiede, Bewusstheit für die Nebeneffekte der sozialen Wärme und die Nutzung von Strukturen wie auch Intellekt. Das integriert das Beste der beiden Pole. Kein einfacher Weg, aber ein Erfolg versprechender.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Konflikte nutzen!

Immer wenn Menschen zusammenarbeiten, entstehen Konflikte. Konflikte sind ein integraler  Bestandteil von Kooperationen. Als natürliche Kraft zur Optimierung von Systemen zeigen sie uns wenn etwas im Argen liegt, dass etwas verändert werden muss. Wie man mit Konflikten umgeht, ist daher entscheidend für die Zukunftsaussichten jedes Projektes.

Es gibt drei unterschiedliche Arten auf Konflikte zu reagieren:

1. Der übliche Weg: Eskalieren
Der Konflikt beginnt als Beschwerde. Die betroffene Person lässt es eine Weile gären, spricht mit anderen darüber (Gerüchteküche!) oder schreibt eine verärgerte Nachricht. Die herausgeforderte Person antwortet mit der eigenen Sicht, welche dann eine Reihe von Folgeproblemen auslöst. Diese werden schnell zur Basis der Auseinandersetzung. Nach einigem Hin und Her, viel Kosten und Stress,
geht es irgendwie weiter – das eigentliche Problem ist vergessen und wartet auf den nächsten Ausbruch.

2. Der bequeme Weg: Ausbügeln
Ein Konflikt ist ein Problem. Um die Produktivität zu sichern, muss er schnell gelöst werden: Der Kreis der informierten Personen wird eingeschränkt und die Konfliktparteien sollen sich gefälligst einigen. Das Ergebnis ist eine oberflächliche Lösung – der Konflikt wird sich bald in anderer Form und an anderer Stelle wieder zeigen.

3. Der beste Weg: Nutzen
Konflikte sind Indikatoren der eigentlichen Probleme. Sie werden als Möglichkeit zur Entwicklung gesehen. Die Konfliktparteien versuchen gemeinsam die Ursache des Konfliktes zu identifizieren und Abhilfe zu schaffen. Konflikte sind damit Chancen für die natürliche Evolution einer Organisation – welche besonders in Zeiten großer Veränderungen wichtig ist.

Konflikte können der entscheidende Faktor bei der Weiterentwicklung von Individuen und Organisation sein, wenn man sie als Symptome einer Kollision von nicht zueinander passenden Elementen (etwa Strukturen, Prozessen oder Werten) sieht:

Stufe 1: Effektive Lösungen
Konflikte zeigen Unterschiede in Sichtweisen, Meinungen und Zielen auf. Diese Unterschiede basieren meist auf andersartigem Wissen und unterschiedlicher Erfahrung der Beteiligten. Erfolgreiche Unternehmen nutzen gerade diese Unterschiede als Antriebskraft für Innovationen: Nur
das Gesamtbild der einzelnen Standpunkte zeigt ihnen den optimalen Lösungsweg. In einer konstruktiven Kommunikation werden deshalb alle vorgeschlagenen Lösungen als gleichwertig betrachtet und neutral beurteilt.

Stufe 2: Effiziente Teamarbeit
Das Ergebnis konstruktiver Kommunikation ist nicht nur das Finden der besten Lösung für ein Problem, sondern auch das gestiegene Gefühl der Beteiligten ein wertvoller Teil der Gruppe zu sein. Sich wirklich zuhören und versuchen sich zu verstehen, erzeugt gegenseitigen Respekt. Dieser Respekt macht eine reibungslose Zusammenarbeit erst möglich und steigert somit die Effizienz der Gruppe. Der in Folge dessen freiere Austausch und die dadurch rapide verbesserte Zusammenarbeit ermöglicht einer Organisation den Zugriff auf die vollen Vorteile der Kollaboration. Grundlage hierfür ist die Konzentration auf Lösungen statt auf Probleme.

Stufe 3: Lebende Strukturen
Der richtige Umgang mit verschiedenen Sichtweisen, Werten und Verhaltensweisen ist der wichtigste Schritt zu einer Kultur echter Zusammenarbeit. Es wird Vertrauen erzeugt und erhalten, das Unternehmen wird strukturiert und Projekten oder Abteilungen wird bei der Zielerreichung geholfen. Dieser positive Umgang mit Konflikten macht Energie verfügbar, die Fortschritt und Innovation auslöst und somit den Verfall verhindert. Die erkannten Verbesserungspotenziale sind meistens schon lange überfällig. Dieser Prozess führt bei den Beteiligten zu einer verstärkten Bereitschaft zu kooperieren und stellt sicher, dass verschüttete Potenziale sich wieder voll entfalten können.

Die Frage ist daher nicht: Können Konflikte positive Effekte haben? Die Frage ist: Wann haben Konflikte positive Effekte? Um Konflikte als Motor für Organisationen zu benutzen, ist ein radikales Umdenken erforderlich. Es geht zu allererst nicht um das Ändern von Prozessen – sondern das Verändern von Gewohnheiten. Sobald die Beteiligten ihr Denken verändert haben und Konflikte als das sehen was sie sind – Signale, die ein Verbesserungspotenzial aufzeigen – entwickeln sie mit Hilfe dieser Konflikte von selber neue, bessere Strukturen – wenn man sie lässt.

Konflikte-PDF (deutsch)

Conflicts-PDF (english)

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Über Umwege (II)

Man weiß ja bekanntlich nie wo es einen hinführt, manchmal ist es jedoch besonders unklar.

1996 fiel mir als junger Ingenieur ein Flyer in die Hand: Alienparty auf der c-base, eine Raumstation unter Berlin Mitte. Es ging angeblich um Zukunft, Technik und vieles mehr. Ich dachte mir: Mal gucken was das für mein„Ingenieurbüro für Kunst & Technik“ bringen kann. Nachdem ich zu einigen Leuten vor Ort Kontakt aufgenommen und kleinere Aufnahmerituale bestanden hatte („Sprüh das auf dem Klo mal mit fluoreszierender Farbe an – das ist irgendwas Außerirdisches“), kam dann endlich die Alienparty – und ich hatte mich entsprechend gekleidet (Foto links).

In den folgenden Jahren war ich oft auf der c-base und habe den Großteil meiner Freizeit dort verbracht. Die Tage und Nächte auf der Raumstation waren vor allem mit viel Arbeit verbunden: Die ganze Kiste musste ja gebaut – äh „rekonstruiert“ werden. So haben wir gemeinsam viel Deko gebastelt, Science Fictions geguckt, schräge Musik gehört und uns mit den „Neuen Medien“ befasst. Hier schrieb ich meine erste e-mail (via Texteditor „pine“), habe das erste mal Photoshop benutzt, HTML gelernt, mich mit Typografie, Kulissenbau und Organisationsstrukturen beschäftigt. Und das alles in einer Atmosphäre die unschlagbar war: Inzwischen sah die c-base nämlich wirklich wie eine Raumstation aus und überzeugte sogar gestandene Journalisten von ihrer Echtheit.

Irgendwann bekam ich eine e-mail über den c-base-Verteiler in der nach Testern für eine der frühen CD-Roms gesucht wurde: Der digitale Geschäftsbericht von Mannesmann, ein Projekt von Pixelpark. Klar hab ich mitgemacht – ich wollt ja mal sehen, wie sowas aussieht. Anscheinend hatte ich ordentlich gearbeitet: Aus diesem Mini-Engagement wurde über einige kleine Schritte eine Anstellung bei Pixelpark: Erst als Helfer (keine Ahnung, schlecht bezahlt), dann als Programmierer (keine Ahnung, mäßig bezahlt), dann als Projektmanager (etwas Ahnung, gut bezahlt), dann als Scientific Director (zunehmend Ahnung, sehr gut bezahlt).  Nach vier Jahren sollte ich Pixelpark verlassen und einiges Wissen über Medien, Projektmanagement, EU-Projekte und Interfacegestaltung im Gepäck haben.

Nebenbei war ich weiterhin in der c-base aktiv und habe geholfen, der Crew und den Räumlichkeiten etwas Struktur zu geben: Wir haben PR-Material erstellt, neue Sportarten entwickelt und wirklich verrückte Projekte diskutiert, denn die c-base war inzwischen Anlaufpunkt für Mediendesigner und Kreative aus ganz Berlin. Das Ganze kann ich heute echt unter Sex, Drugs & Rock’n Roll verbuchen – aber auch unter Art, Technology & Communication.

Während dieser Zeit habe ich viele Firmen, Menschen und Projekte kennengelernt (z.B. Art & Com oder den Chaos Computer Club) und auch für viele davon gearbeitet (z.B. in der c-base eigenen Grafikagentur „Blubber Grafik“ oder in der assoziierten Firma „Cyberline“). Es war einfach viel los. Irgendwann war‘s mir dann zu viel und ich entschied mich für Großprojekte bei Pixelpark. Für die base war dann nur noch wenig Zeit…

Was ist geblieben? Heute erkenne ich die c-base nicht mehr wieder. Nach 3 Umzügen und mehrfachem Wechsel der crew erinnern mich nur noch einige Kulissen an die alten Zeiten. Doch auch wenn es “meine” c-base nicht mehr gibt, lebt davon noch vieles:  Freunde und Geschäftspartner, zu wissen wie man freiwillige Gruppen organisiert, ein anderes Verständnis für Informationstechnologie, die Geduld wenns mal nicht so läuft wie ich es möchte – und meine beruflicher Werdegang, der durch Pixelpark eine bestimmte Richtung nahm.

Be future compatible“, war darmals der Claim der c-base. Für mich hat’s funktioniert! Und ich habe vor allem eins mitgenommen: Sei neugierig und lass dich auf Dinge ein – du weisst nie wohin es dich bringt.

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar