Über Umwege (II)

Man weiß ja bekanntlich nie wo es einen hinführt, manchmal ist es jedoch besonders unklar.

1996 fiel mir als junger Ingenieur ein Flyer in die Hand: Alienparty auf der c-base, eine Raumstation unter Berlin Mitte. Es ging angeblich um Zukunft, Technik und vieles mehr. Ich dachte mir: Mal gucken was das für mein„Ingenieurbüro für Kunst & Technik“ bringen kann. Nachdem ich zu einigen Leuten vor Ort Kontakt aufgenommen und kleinere Aufnahmerituale bestanden hatte („Sprüh das auf dem Klo mal mit fluoreszierender Farbe an – das ist irgendwas Außerirdisches“), kam dann endlich die Alienparty – und ich hatte mich entsprechend gekleidet (Foto links).

In den folgenden Jahren war ich oft auf der c-base und habe den Großteil meiner Freizeit dort verbracht. Die Tage und Nächte auf der Raumstation waren vor allem mit viel Arbeit verbunden: Die ganze Kiste musste ja gebaut – äh „rekonstruiert“ werden. So haben wir gemeinsam viel Deko gebastelt, Science Fictions geguckt, schräge Musik gehört und uns mit den „Neuen Medien“ befasst. Hier schrieb ich meine erste e-mail (via Texteditor „pine“), habe das erste mal Photoshop benutzt, HTML gelernt, mich mit Typografie, Kulissenbau und Organisationsstrukturen beschäftigt. Und das alles in einer Atmosphäre die unschlagbar war: Inzwischen sah die c-base nämlich wirklich wie eine Raumstation aus und überzeugte sogar gestandene Journalisten von ihrer Echtheit.

Irgendwann bekam ich eine e-mail über den c-base-Verteiler in der nach Testern für eine der frühen CD-Roms gesucht wurde: Der digitale Geschäftsbericht von Mannesmann, ein Projekt von Pixelpark. Klar hab ich mitgemacht – ich wollt ja mal sehen, wie sowas aussieht. Anscheinend hatte ich ordentlich gearbeitet: Aus diesem Mini-Engagement wurde über einige kleine Schritte eine Anstellung bei Pixelpark: Erst als Helfer (keine Ahnung, schlecht bezahlt), dann als Programmierer (keine Ahnung, mäßig bezahlt), dann als Projektmanager (etwas Ahnung, gut bezahlt), dann als Scientific Director (zunehmend Ahnung, sehr gut bezahlt).  Nach vier Jahren sollte ich Pixelpark verlassen und einiges Wissen über Medien, Projektmanagement, EU-Projekte und Interfacegestaltung im Gepäck haben.

Nebenbei war ich weiterhin in der c-base aktiv und habe geholfen, der Crew und den Räumlichkeiten etwas Struktur zu geben: Wir haben PR-Material erstellt, neue Sportarten entwickelt und wirklich verrückte Projekte diskutiert, denn die c-base war inzwischen Anlaufpunkt für Mediendesigner und Kreative aus ganz Berlin. Das Ganze kann ich heute echt unter Sex, Drugs & Rock’n Roll verbuchen – aber auch unter Art, Technology & Communication.

Während dieser Zeit habe ich viele Firmen, Menschen und Projekte kennengelernt (z.B. Art & Com oder den Chaos Computer Club) und auch für viele davon gearbeitet (z.B. in der c-base eigenen Grafikagentur „Blubber Grafik“ oder in der assoziierten Firma „Cyberline“). Es war einfach viel los. Irgendwann war‘s mir dann zu viel und ich entschied mich für Großprojekte bei Pixelpark. Für die base war dann nur noch wenig Zeit…

Was ist geblieben? Heute erkenne ich die c-base nicht mehr wieder. Nach 3 Umzügen und mehrfachem Wechsel der crew erinnern mich nur noch einige Kulissen an die alten Zeiten. Doch auch wenn es “meine” c-base nicht mehr gibt, lebt davon noch vieles:  Freunde und Geschäftspartner, zu wissen wie man freiwillige Gruppen organisiert, ein anderes Verständnis für Informationstechnologie, die Geduld wenns mal nicht so läuft wie ich es möchte – und meine beruflicher Werdegang, der durch Pixelpark eine bestimmte Richtung nahm.

Be future compatible“, war darmals der Claim der c-base. Für mich hat’s funktioniert! Und ich habe vor allem eins mitgenommen: Sei neugierig und lass dich auf Dinge ein – du weisst nie wohin es dich bringt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Über Umwege (II)

  1. Dana sagt:

    Ein gelungener Artikel, der zeigt zu was manches führen kann. Es kulminiert in der Schlussaussage: Sei neugierig und lass dich auf Dinge ein – du weißt nie wohin es dich bringt. Und das ist genau der Punkt, den sich jeder als Leitmotiv aussuchen sollte. Dieses Motto hat keine Türen und verschließt niemanden nichts. Man könnte es als barrierefreie Motivation bezeichnen, die sich als das Leitmotiv durch das ganze Leben ziehen kann. Einlassen könnte man vielleicht noch mit interessieren verfeinern. Interessieren und neugierig sein, das Unbekannte entdecken und Neuland betreten, so wird nicht nur Geschichte gemacht, so entwickelt sich der Mensch individuell und auch die Gesellschaft weiter. Man weiß nie im Voraus wie sich eine neue Sache entwickeln wird. Auch die beste Planung und Vorabanalyse kann die Schwenkungen des menschlichen Verhaltens nie genau voraussagen. Und das bedeutet gleichzeitig auch flexibel zu sein. Die Einstellung des Autors und seiner Nachfolger hat die c-base zum dem werden lassen was die heute ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>