ULOOP – EU investiert 4.08 Mio EURO in Erforschung Drahtloser Community Netzwerke

“ULOOP ist ein im Rahmen von ICT Call 5  finanziertes EU-FP7-Projekt. Das Projekt verfolgt das Ziel, das Potenzial der Wireless-Local-Loop-Technik basierend auf einem benutzer-zentrierten (Gemeinschaft) Modell, welches die Reichweite der hoch belasteten multi-access broadband backbone erweitert, aus unterschiedlichen Perspektiven zu erforschen: Technik- und Geschäftsmodelle, sowie die Auswirkungen auf den Telekommunikationsmarkt und die Gesetzgebung.” (Quelle: DAI-Labor)

Was hier etwas holprig klingt, ist im Grunde ganz einfach: Die vielen privaten WLAN-Netze sollen für andere nutzbar und zugänglich werden. Ich war am 27.09.2011 als Redner zum “1st industrial workshop” eingeladen und habe dort einem sehr interessierten und internationalem Publikum unsere Vision von einem freien Funknetzwerk für Berlin präsentiert.

Rückblick

Als ich im Jahr 2002 nach Ost-Berlin zog, sollte ich damit leben, dass meine einzige Möglichkeit ins Internet zu kommen, eine ISDN-Leitung war, die ich mir mit 35 anderen Personen teilte. Natürlich gab es damals schon schnelleres DSL, aber die Telekom hatte nach der Wiedervereinigung in weiten Teilen Ost-Deutschlands für viel Geld eine neue Glasfasertechnologie namens OPAL verlegt, konnte dann aber darüber private Haushalte nicht an das schnelle Netzwerk anbinden. In der Konsequenz wurde Jahre später, ebenfalls für viel Geld, wieder Kupferkabel verlegt.

Ich konnte aber nicht so lange warten, denn als IT-Experte war der schnelle Zugang zum Internet für mich schon damals von existenzieller Bedeutung. Just zu diesem Zeitpunkt wurde eine neue Technologie namens WiFi oder WLAN massentauglich. Die preiswerten Funknetz-Router waren eigentlich dazu gedacht, im Büro- oder Heimnetzwerk auf kurze Distanz ein kabelloses Netzwerk einzurichten, doch findige Hacker hatten längst damit begonnen, deren Reichweite durch selbst gebastelte Antennen zu erhöhen, und in Seattle, London, Berlin und andernorts gab es erste Versuche, sogenannte Community-Netze einzurichten, die ganze Straßenzüge oder Stadtteile per Datenfunk miteinander vernetzen sollten.

Ich baute mein erstes Funknetzwerk, eine 2km lange Richtfunkstrecke vom Dach unseres Hauses zu einem wohl gesonnenen Internetprovider. Nun hatten wir schnelles Internet – schneller und preiswerter als jedes DSL, was es damals zu kaufen gab. Wenig später gründete ich gemeinsam mit einem knappen Dutzend Gleichgesinnter freifunk.net. Der Rest ist Geschichte: “Freifunk” wurde im deutschsprachigen Raum zum Synonym für freie und offene drahtlose Bürgernetze, wie sie heute in vielen urbanen und ländlichen Regionen existieren.

Angst statt Freiheit!

Mit der zunehmenden Verbreitung schneller und preiswerter Internetzugänge entschlossen sich viele Menschen dazu, ihren eigenen WLAN-Accesspoint nicht zu verschlüsseln und so auch anderen Menschen in der Umgebung einen kostenlosen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Damals gab es jedoch noch keine Smartphones und mobile Computer nannte man aus gutem Grund noch “Schlepptop”. Dennoch erfreute sich eine wachsende Anzahl von Menschen an der Tatsache, vielerorts einfach und kostenlos ins Internet kommen zu können. Überall auf der Welt entstanden offene Netzzugänge. Viele träumten bald vom “Überall-Netz”.

Doch statt sich der neuen Freiheit zu erfreuen, schürten Presse, Content-Industrie und deutsche Gerichte bald die Angst. Der offene Accesspoint wurde zum Gefahrengut erklärt, zum Synonym für unkontrollierbaren Datenklau, illegale Tauschbörsen und das Eldorado für das Böse schlecht hin. Statt das öffentliche Funk-Netz unverschlüsselt zu belassen und sein eigenes privates Netzwerk sinnvoll durch Virtuelle Private Netzwerke und eine Firewall zu schützen, sollten nun alle ihre WLAN-Netze per unsicherem WEP und später WPA und WPA2 verschlüsseln. Andernfalls droht man heute in Deutschland mit der “Störerhaftung”. Der Traum scheint ausgeträumt. Und außerdem, so hört man immer wieder von der Politik, sei mobiles und schnelles Internet doch heute überall via UMTS preiswert verfügbar.

Ins eigene Knie geschossen

Abgesehen davon, dass wir – die sogenannte Digitale Bohème – ein Lied davon singen können, wie klein “überall”, wie teuer “preiswert” (dank Roaming!) und wie langsam “schnell” eigentlich sein kann,  stellt der rasant wachsende Bedarf nach schnellem mobilem Internet die großen Telekoms dieser Welt vor ein großes Problem: die teuren UMTS-Funk-Netze können dem wachsenden Ansturm nicht Stand halten und drohen immer schneller zu kollabieren.

Und nun?  Ja … also …  nun wünschen sich die großen Telekoms, sie könnten eine größeren Teil der Last in die WLAN-Netze der privaten Enduser abkippen – “Off-loading” nennt der Fachmann das salopp. Zu dumm nur, dass die jetzt alle verschlüsselt sind.

Deshalb wird seit geraumer Zeit im großen Stil daran geforscht, wie man das Vertrauen der Enduser für seine eigenen Zwecke gewinnen könnte und ob und unter welchen Umständen man die Leute nun wiederum davon überzeugen kann, ihre Netze wieder zu öffnen. Dumm gelaufen.

Der Prophet im eigenen Land

Es ist ja nicht so, als wäre das alles ganz neu. Seit Jahren bin ich mit der Vision freier Funknetzwerke unterwegs und war als Experte auf vielen internationalen Veranstaltungen in Europa, Indien und Asien eingeladen. In vielen Teilen der Welt hat man früh das Potential offener WLAN Netze entdeckt, so zum Beispiel auch 2006 in Singapur: “Die Grenzen der Informationstechnologie seien heute in erster Linie in den Köpfen der Menschen auszumachen. Seine Aufgabe sei es, sicherzustellen, dass es auf dem Spielplatz der Kommunikation keine Engpässe gebe.” erkannte schon damals ganz richtig Leong Keng Thai, Leiter der dortigen Infocomm Development Authority.

Und auch in Berlin wurde spätestens seit 2008 immer wieder über ein offenes WLAN Netz innerhalb des S-Bahn-Rings diskutiert. Doch so richtig weiter gekommen ist man hierbei bis heute nicht. Ich selbst spreche seit gut 5 Jahren regelmäßig mit der Berliner Senatsverwaltung über dieses Thema. (siehe hierzu auch Artikel in brand eins 09/2011 – “Internet für alle”)

Zuletzt habe ich gemeinsam mit meinen Kolleg_innen Annette Leeb, Andreas Wichmann und anderen im Spätherbst 2010 ein Konzept namens “Wireless Open Public Local Access Network Berlin (wOPLAN-B)” erstellt, in dem wir die Gründe für solch ein Public-Private-Citizen-Partnership ausführlich dargelegt und ein Pilot-Szenario beschrieben haben. Unser Fokus war freilich eine signifikante Verbesserung der Situation der einheimischen Bevölkerung, der Touristen und der vielen kleineren und mittleren Betriebe in dieser Stadt. Das Ergebnis ist aber das Selbe: offene WLAN-Netze.

Doch während die EU nun über 4 Millionen in die Erforschung dieser Möglichkeiten investiert, hält man in Berlin diesen Ansatz nach wie vor weder für innovativ noch für wirtschaftlich relevant. Ist schon komisch:  eine Gruppe Berliner Enthusiasten und Fachleute bemüht sich seit Jahren vorrangig ehrenamtlich, aber vor allem vergeblich darum, den Senat davon zu überzeugen, mal etwas richtig Innovatives und äußerst Erfolg versprechendes für diese Stadt zu tun, während nun europaweit für das gleiche Konzept Millionen in Forschung und Entwicklung investiert werden. Irgendwas läuft da doch schief! In Berlin steckt man mehrere 100 Millionen Euro in den Ausbau einer Autobahn, hat aber keine Cent übrig, um in moderne Kommunikationsinfrastrukturen zu investieren. Ob das der richtige Weg in die Zukunft der Hauptstadt ist?

Update: Siehe auch Artikel auf ZEIT.de vom 21.10.2011: Warum Berlin kein öffentliches WLAN bekommt.

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