Ich hab Recht und du bist doof

kennt fast jeder aus Kindertagen. Meist kam das genau dann, wenn man nicht mehr weiterwusste. Ich bin jetzt 44 und hätte nie gedacht, dass mich das netzaktivistische Umfeld mal zurück in die Vorschule beamt. Denn genau dieses Verhalten gehört hier oft zum Alltag – leider. Das fängt beim Brustton der Überzeugung an, mit dem die neuen Expertenstars der Netzgemeinde alles kommentieren – auch wenn niemand sie gefragt hat.

Der Ton ist dabei gerne mal von oben herab

– ist im Netz so üblich, wird aber in der Szene auch live so gemacht. Das digitale Revierpinkeln verfolgt einen mit 140 Zeichen dann bis nach Hause. Das geht so weit, dass sich die eigenen Reihen manchmal fragen, was so abgeht:

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Ich finde es gut, dass sich Menschen engagieren. Und speziell die neuen netzpolitischen Themen brauchen Menschen, welche die notwendige Veränderung vorantreiben. Doch ich habe auch das Gefühl, man gefällt sich in der Opposition als Robin Hood. Wir sind die Guten. Die Bösen sind die Großunternehmen, die Politik, die GEZ, Gema
oder wie sie alle heißen, also die etablierten Strukturen. Wir fordern: Kopf ab! Wir haben’s probiert, doch Dialog ist nicht möglich. Die haben ja keine Ahnung. Ich habe selten weniger Offenheit gegenüber anderen Ansichten erlebt. Und das, obwohl jeder zweite dieser Szene das Wort „Open“ auf dem Laptop kleben hat. Dabei bauen die Robin Hoods ihren Lifestyle maßgeblich auf den alten Strukturen auf: Ob es das tolle MacBook, der Kindle, der Bio-Joghurt oder das Internet ist – alles Produkte derjenigen, die auf der anderen Seite zum Feind erklärt werden.

Niemand startet bei null.

Das tolle Neue baut auf dem Alten auf. Der Wirtschaftstheoretiker Erich Schneider hat dazu gesagt: „Wir sind nichts und werden nichts durch uns selbst, wir stehen alle auf den Schultern unserer Ahnen.“ Das gilt übrigens auch für eins der Lieblingsthemen der Netzgemeinde: ein neues Urheberrecht. Alles ist ein Remix von schon Vorhandenem. Doch wie kann ich dann das Alte so missachten? Ich muss es ja nicht gut finden. Vielleicht ist es überholt und nicht mehr passend, doch es verdient eine Art Respekt in dem Sinne, dass es der Keim für Neues ist oder dass es mal gut und sinnvoll war. Ich weiß, das ist schwierig. Vor allem in einer Kultur, in der alles schon nach 5 Minuten kalter Kaffee ist, in der nur der erste Newstweet zählt. Alle anderen bekommen zu hören: „Kenn ich schon lange. Lies mal meinen Blog.“

Es geht oft nur darum, der Erste zu sein,

anders zu sein, herauszustechen – egal wie. Logisch, wenn die eigene Marke die Miete bezahlt. Wer polarisiert, wird gesehen, und Bekanntheit im Netz ersetzt dann das Organigramm: Viele Followers, Friends und Leser sind quasi gleichbedeutend mit einer Position im mittleren Management. Ist der eigene Blog unter den deutschen Top 5, gehört man zur Geschäftsführung. Alte Strukturen im neuen Kleidchen. Die einzige Möglichkeit von hier aus ist die Revolution. Die Antwort auf meine Frage, wie man die Wirtschaft denn von den neuen Ideen überzeugen könnte, war dann auch: „Wir können die nicht überzeugen. Die sterben aus. Wir werden jeden Tag mehr und übernehmen dann das Ruder.“ Disruption ist hier deshalb eines der Lieblingswörter. Es verspricht den schnellen und radikalen Wandel. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass natürlich beide Seiten eine andere Idee vom Ergebnis haben. Die einen wollen endlich an die Macht, die anderen wollen noch mehr davon. Geschichte wiederholt sich.

Ich denke, was fehlt, ist gegenseitiges Verständnis und Respekt.

Ich denke, man muss Brücken bauen, um Veränderung zu ermöglichen. Gegenseitige Angriffe sind zwar nachvollziehbar, jedoch nicht zielführend. Am klarsten wird mir das, wenn ich mir das Neue und das Alte als Personen vorstelle: Das sieht dann aus wie zwei Politiker im Clinch kurz vor der Wahl. Keiner lässt den anderen ausreden, beide Positionen sind unvereinbar. Was dabei rauskommt, ist, wie bei der Wahl, unbefriedigend: Es ändert sich nichts. Die Alternative, die ich meine, heißt nicht Koalition. Denn das ist ja real auch nur ein vorübergehender Waffenstillstand, bis einer sich eine Blöße gibt. Ich meine echten Dialog. Verständnis, Wertschätzung und Einfühlung in das Gegenüber. Auf dieser Basis sind positive Gespräche möglich. Die sind jedoch in vielen netzpolitischen Konflikten Mangelware. Denn beide Parteien sind geübt in Rhetorik, aber nicht im wertschätzenden Dialog. Dabei sind die Grundbedingungen für einen solchen doch zumindest aus persönlicher Erfahrung nachvollziehbar: Erst wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich auch respektiert und versteht, bin ich bereit, ihm wirklich zuzuhören. Der Aktion folgt dann potenziell eine Reaktion in gleicher Färbung. So kommt man sich näher und ist in der Lage, Gemeinsamkeiten zu finden statt mit dem Finger auf Unterschiede zu zeigen. Und

letztendlich geht es doch um die gemeinsame Zukunft.

Der Dialog ist die Basis für Demokratie, und nicht Säbelrassel auf beiden Seiten. Dazu muss man nach Verbindungen suchen: Was wollen wir beide, was vereint uns? Das steht schon in jedem Fachbuch für Kundenakquise. Bei Personen mag es das gleiche Hobby, die gleiche Uni
oder Heimatstadt sein. Bei Gruppen ist es wohl gar nicht so anders. Wichtig ist, Wertschätzung nicht als reines Werkzeug zu verstehen, sondern als Haltung: Der andere muss natürlich nicht so reagieren, wie ich es gerne hätte. Er muss nicht auch wertschätzend mit mir umgehen, weil ich es mit ihm tue. Das braucht unter Umständen Zeit. Solange könnte man nach Benjamin Franklins Motto„Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler“verfahren. Das wäre echte Offenheit für mich.

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